Sowohl in der Wissenschaft, als auch in der breiteren Öffentlichkeit und auf der politischen Ebene ist Erinnerung, etwa seit den 1980er Jahren, zu einem hochwichtigen und allgegenwärtigen Thema geworden. Ostmittel- und südosteuropäische Gesellschaften rückten in den Vordergrund des sogenannten Memory Booms, da nach der Auflösung des Staatssozialismus die Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheit(en) ein unumgänglicher Bestandteil der Transformationsjahre und der Transition zu liberaldemokratischen Ordnungen innerhalb der Europäischen Union schien. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war aber meistens von Spannungen geprägt, die sich in der Forschung etwa in Begriffen wie Erinnerungskonflikte und Erinnerungskriege widerspiegelten. Entgegenstehende Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und andere Ereignisse der Vergangenheit spielten z.B. eine bedeutende Rolle in den gewalttätigen Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre.
Heutzutage ist Erinnerung vielleicht nicht mehr das große Programmwort mehr, hat jedoch weiterhin Bedeutung und Tragweite. Konkurrierende Erinnerungen über die Diktaturen und Kriege des 20. Jahrhunderts prägen weiterhin das soziale, kulturelle und politische Leben Die neoliberale Wende, die sich in den postsozialistischen Gesellschaften durchgesetzt hat, ist selbst (auch) zum Objekt der Erinnerung geworden.
Vor diesem Hintergrund, möchten wir in diesem Kolloquium, aktuelle Forschungsprojekte über Ostmittel- und Südosteuropa (u.a. Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Rumänien, Serbien, Slowakei, Ungarn), in welchen das Thema Erinnerung in ihren pluralen Facetten zentral ist, zur Diskussion stellen. Wir wollen besprechen, inwieweit Erinnerung noch Konjunktur (als Kategorie der Praxis, sowie als analytische Kategorie) und Erklärungspotential hat. Darüber hinaus, versuchen wir die Erinnerungskulturen in Ostmittel- und Südosteuropa zu historisieren und fragen, inwiefern die Erinnerungsnarrative der jüngsten Vergangenheit zu den heutigen sozialen und politischen Spannungen und Konflikten beigetragen haben.