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Forschungsfelder

Im Rahmen des sich auf das nördliche Südosteuropa erstreckenden Forschungsfeldes besteht ein Fokus auf den sogenannten donauschwäbischen Siedlungsgebieten im mittleren Donaubecken. Diese haben sich im Zuge der habsburgischen Ansiedlungen und Binnenkolonisation auf dem Gebiet der Länder der Stephanskrone vom ausgehenden 17. bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert herausgebildet.

Donauschwaben

„Donauschwäbisch“ ist dabei weniger ein historisch-kultureller Begriff als ein wissenschaftliches Konstrukt. Das Wort basiert auf einem Terminus, der nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918/20 und der neuen politischen Identität der Nachkommen der neuzeitlichen Siedler von der deutschen Forschung eingeführt wurde. Nach 1945, ein Epochenjahr, das auch für die deutschen Minderheiten mit massiven Zwangsmigrationen verbunden war, bürgerte sich der Terminus, politisch gefördert, im deutschen Sprachraum allmählich in einem geographisch weiten, politisch und verwaltungsgeschichtlich aber recht ungenauen Sinne ein. Als Sammelbegriff umfasst er heute alle deutschen Minderheiten, die als Folge der neuzeitlichen Migration nach Südosteuropa am mittleren Lauf der Donau entstanden sind.

Siedlungsgebiete

Die donauschwäbischen Siedlungsgebiete befinden sich in den heutigen Staaten Kroatien, Ungarn, Serbien und Rumänien und umfassen

  • das ungarischen Mittelgebirge zwischen Raab, Donauknie und Plattensee, mit dem Zentrum Budapest
  • Slawonien und Syrmien zwischen Save und Donau, mit dem Zentralort Osijek (Esseg)
  • die Batschka zwischen Donau und Theiß, mit dem Mittelpunkt in Novi Sad (Neusatz)
  • das Banat zwischen Marosch, Theiß, Donau den Ausläufern der Südkarpaten, mit dem Zentrum in Timişora (Temeswar)
  • Sathmar im nordöstlichen Teil der Großen Ungarischen Tiefebene, mit dem Mittelpunkt Carei (Großkarol)
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Imperien und Multikulturalität

Der neuzeitliche kulturelle Bestand dieser hochgradig von ethnischer und konfessioneller Vielfalt gekennzeichneten Regionen - wirtschaftliche Organisationsformen, Gesellschaftsstrukturen, Lebens- und Glaubensformen – fußt maßgeblich auf gruppenübergreifenden, gesamtgesellschaftlichen Akkulturationsleistungen. Diese hangen mit Migrations- und Siedlunsgvorgängen zusammen, die mit Transfer- und Kontaktprozessen im Rahmen der habsburgischen Machterweiterung einhergingen und das Erscheinungsbild der Region prägten.

Nationalstaaten, Minderheiten und ethnische Homogenität

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dem ungarischen Teil der k. u. k. Monarchie zugehörig, wurden die donauschwäbischen Siedlungsgebiete als Folge der neuen Grenzziehungen im Wesentlichen drei Staaten – Ungarn, Rumänien und dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen – zugeschlagen. Die Entwicklung der einzelnen donauschwäbischen Gruppen erfolgte ab jetzt im Rahmen der jeweils spezifischen Minderheitenpolitik der drei Nationalstaaten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die deutschen Minderheiten in den drei Staaten vom nationalsozialistischen Deutschland für dessen Eroberungs-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik instrumentalisiert und haben sich auch selbst instrumentalisiert. Die Folge: Sie wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs für die NS-Politik in Haftung genommen und in den drei Staaten unterschiedlichen Maßnahmen – Enteignung, Entrechtung, Deportation – unterworfen.

Der Nationalsozialismus und die Folgen

Ungarn wies zudem mit Billigung der Alliierten die Hälfte seiner deutschen Minderheit aus, Jugoslawien entledigte sich seiner deutschen Minderheit ohne ein internationales Mandat zu besitzen und nur aus Rumänien erfolgten keine Massenvertreibungen. Dadurch bedingt, verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt aller Donauschwaben zunehmend ins westliche Ausland und hier vor allem in den Südwesten der Bundesrepublik.

Integration im neuen alten Land

Baden-Württemberg übernahm daher 1954 die „Patenschaft über die Volksgruppe der Donauschwaben“. Als Ergebnis ihrer Integration in Deutschland wurden die Angehörigen der donauschwäbischen Gruppen zu Brückenbauern zu ihren Herkunftsstaaten während des Kalten Krieges, eine Funktion, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 und bis zur Verabschiedung der EU-Donauraumstrategie Früchte trug.

Migrations, minorities, memories

Als herausragendes Beispiel einer von Migrationen und dem Minderheitendasein bestimmten Geschichte haben die Donauschwaben heute einen festen Platz in der Erinnerungskultur ihrer Herkunftsländer und sind zugleich ein komplexer Forschungsgegenstand, der es erlaubt, die neuere und neuste Geschichte des multiethnischen Südosteuropa und seine Beziehungen zu Deutschland besser zu verstehen.